
| telegrafisches Kurzzeichen: | Agl, vormals Al |
| eröffnet: | 26. Juli 1948 |
| Bahnhof geschlossen: | 21. März 1951 |
| Bahnhof wiedereröffnet: | 22. Mai 1955 |
| Bahnhof erneut geschlossen: | 1. Juni 1958 |
| Bahnhof wiedereröffnet: | 26. Februar 1962 |
| elektrischer Betrieb seit: | 26. Februar 1962 |
| Station liegt an der | Flughafen-S-Bahn |
| Adlershof | Grünbergallee |
Das erste oder zweite Fernsehprogramm wird von diesem gelobt, von jenem kritisiert; was uns betrifft, so finden wir es mal so, mal so - hauptsächlich allerdings so. Doch lassen wir uns deshalb keine grauen Haare wachsen; denn wir sind nicht auf das erste oder zweite Programm angewiesen, seit wir herausgefunden haben, daß in Berlin-Bohnsdorf, unmittelbar an der Grünbergallee, seit geraumer Zeit ein drittes Fernsehprogramm produziert wird. Den technisch denkbar besten Empfang (der übrigens völlig gebührenfrei ist) hat man auf dem S-Bahnhof Altglienicke, gelegen an der Strecke Berlin-Adlershof - Zentralflughafen Schönefeld. Das dritte Programm beginnt in aller Herrgottsfrühe und wird den ganzen Tag über ohne Sendepause bis in die Nacht hinein ausgestrahlt.
Der Empfang ist allerdings nur bei wärmerem Wetter möglich, denn wenn es kühl wird, macht der Aufsichtsbeamte auf dem Bahnhof Altglienicke die Tür seines Häuschens zu, und dann kann man das dritte Programm nicht mehr sehen. Denn der Fernsehapparat steht auf seinem Diensttisch und zeigt ihm außergewöhnlich störungsfrei den Bahnsteig Grünbergallee und rechts davon das Gleis, auf dem die S-Bahn-Züge nach Schönefeld fahren.
Der Mann in Altglienicke kann also genau sehen, wie der Zug einfährt, anhält und wann alle Leute aus- und eingestiegen sind. Das ist sehr nützlich; denn auf dem Bahnhof Grünbergallee gibt es keinen Aufsichtsbeamten. Dessen Arbeit erledigt der Kollege in Altglienicke noch nebenbei; er erteilt auch dort per Sprechfunk den Zügen ihren Abfahrtsbefehl. Und wie gesagt, wenn seine Tür offensteht, werden auch wir televisionäre Zeugen der Grünberg-Szene. Da kommt ein Mann mit einem Kinderwagen, welcher aber keine Kinder enthält, sondern nur zwei große Gallonen, in denen Obstwein oder vielleicht Karbolineum-Ersatz auf und nieder schwappt. Und jetzt - man sehe sich das an! - springt noch einer auf den schon angefahrenen Zug, weil er sonst mangels Glatteises keine andere Möglichkeit sieht, sich ein Bein zu brechen. Und so gibt es viele dramatische Miniaturen, mitten aus dem alltäglichen Leben gegriffen.
Natürlich ist es immer mehr oder weniger das gleiche, was einem da geboten wird, es sind Szenenfolgen ohne sonderlich kunstvolle Dramaturgie. Insofern wird man gelegentlich (gelegentlich!) an das erste oder zweite Fernsehprogramm erinnert. Aber die Darbietungen haben doch einen unschätzbaren Vorteil: Man kann ihnen seine Aufmerksamkeit widmen, wann immer man will, und wenn man Lust hat, kann man, ohne Wesentliches zu versäumen, einfach weggehen. Es käme mir nie in den Sinn, den Aufsichtsbeamten in Altglienicke zu fragen, wie die Sache denn eigentlich angefangen habe, oder auf dem Heimweg (da wir noch nie bis zum Schluß geblieben sind) darüber nachzusinnen, wie die Geschichte denn nun ausgegangen sei, wer der Täter war oder ob sie sich endlich doch noch gekriegt haben. Und wenn einer den Zug verpaßt hat, so wird er gewiß den nächsten nehmen, weil die S-Bahn einigermaßen zuverlässig ist.
So beschreibt der Berliner Satiriker Lothar Kusche im Jahre 1973 seine Sicht auf den S-Bahnhof. Beruhigend: schon damals war das Fernsehprogramm kein Hort der ständigen Freude.

Einfahrender Zug von Adlershof kommend.
Noch ist die S-Bahnstrecke zum Grünauer Kreuz hin eingleisig. (30. Juli 1983)
Seit Dezember 1940 bestand hier der Güter-Außenring (GAR) mit der Betriebsstelle Altglienicke, die lt. einem Gleisplan von 1947 vier Gleise aufwies. Um die aufgrund von Kriegsschäden immer noch zeitweise schwer erreichbaren Außenbezirke besser anzubinden, entschloß sich die Deutsche Reichsbahn (DR), auf einem Teil des GAR einen Personenverkehr einzurichten. Unter den auserwählten Betriebsstellen befand sich auch Altglienicke, der nun vom 26. Juli 1948 bis zum 21. März 1951 als Bahnhof den Reisenden diente. Im Kursbuch von 1948 sind für die Relation Lichtenrade - Berlin-Grünau (Kursbuchstrecke 100m) immerhin 13 Züge in beiden Richtungen verzeichnet. Der Personenverkehr wurde vom 22. Mai 1955 bis zum 1. Juni 1958 erneut aufgenommen. Danach verblieb der Betriebsstelle nur noch der Güterverkehr.
Der Ausbau der Station und der Strecke bekamen nach dem Bau der Berliner Mauer eine neue Wichtigkeit. Die DDR wollte nun für ihren Zentralflughafen Berlin-Schönefeld einen angemessenen Schienenanschluß haben. Kurz darauf begannen im September 1961 die Bauarbeiten für den Umbau der bestehenden Anlagen und für eine Anbindung der S-Bahn.
Dabei wurde der Bahnsteig auf das s-bahnübliche Maß von 96 Zentimetern angehoben, der Zugang zum Bahnsteig erfolgte nun neu durch ein - noch heute vorhandenes - Passimetergebäude. Auch die Signaltechnik wurde neu installiert: Verwendung fand nun das damals neue Hl-Signalsystem. Diese Signale wurden anfangs vom damaligen Stellwerk "Ags" (vorher W20) gestellt, bevor die Bedienung am 22. Mai 1963 in das neue Stellwerk "Grk" einzog [1].
Am 26. Februar 1962 war es dann soweit: die Station wurde dem S-Bahnverkehr übergeben. Vom Grünauer Kreuz her konnte sie jedoch bis Juni 1987 nur eingleisig erreicht werden, in die andere Richtung bestand mit der Aufnahme des S-Bahnverkehres gleich ein zweigleisiger Betrieb.

Blick auf den Bahnhof. Aufgrund des Umfeldes wirkt die Anlage doch sehr trostlos. Im Vordergrund die Bundesstraße 96a (20. August 2008).
Auf die eingangs von Lothar Kusche humorvoll hervorgehobene televisionäre Besonderheit des Bahnhofes soll natürlich auch nochmals kurz eingegangen werden: der von Altglienicke aus zu beobachtende Bahnsteig von Grünbergallee war bei der Berliner S-Bahn die erste Station, bei der die Züge regulär via der Fernbeobachtungsanlage (so die offizielle Bezeichnung der DR) abgefertigt wurden. Heute ist die Station unbesetzt, die Triebfahrzeugführer fertigen sich selbst ab. Somit kann heute dieses dritte Programm nicht mehr angesehen werden... (ms)
| Adlershof | Grünbergallee |
Quellen und weiterführende Buchtipps:
[1] Zwischen Kreuzberg und KW - Vorortverkehr auf der Görlitzer Bahn (Teil 1); Dr. Michael Braun; Verkehrsgeschichtliche Blätter, Heft 3/1991
Berlins S-Bahnhöfe; Jürgen Meyer-Kronthaler/Wolfgang Kramer, be.bra Verlag, 1998
S-Bahn-Tangente am Außenring; Dr. Michael Braun; Berliner Verkehrsblätter; Hefte 2-3/1994
Schönefeld bei Berlin - Ein Amt, ein Flughafen und elf Bahnhöfe; Bernd Kuhlmann; Verlag GVE; 1996
Der zitierte Text wurde entnommen aus:
Der gerissene Film; Eulenspiegel Verlag, Berlin; 1975 (1973)
Die Textfreigabe erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Schriftstellers.
weiterführende Links:
Der Bahnhof bei Google Maps
letzte Änderung des Textes: 24. Januar 2009