Der Eisenbahner Wieland Schulze leistete seinen 18-monatigen Grundwehrdienst beim Grenzkommando Mitte der Grenztruppen der DDR. Dieses Grenzkommando war für die Sicherung der Berliner Mauer zuständig. Er erinnert sich:
Sollten Fahrten zum Görlitzer Bahnhof stattfinden, wurden sie von den zuständigen Stellen der Deutschen Reichsbahn angemeldet. Wir als Posten merkten schon bald an der Rangierlok auf Westberliner Seite, dass es wieder Fahrten gab. Sie standen meistens rechtzeitig vor dem Tor in der Mauer. Die Fahrten wurden immer durch vier Grenzer begleitet. Dazu kam ein Unteroffizier mit einem Posten zu uns hoch auf die Brücke. Der Unteroffizier hatte die Schlüssel, damit das Tor aufgeschlossen werden konnte. Vor dem Tor gab es noch zwei Tore im Signalzaun. Dies war ein Zaun aus lauter Drähten, die beim zusammenkommen zweier Drähte einen Alarm auslösten. Die Tore waren auch mit dieser Sicherung versehen und konnten nur durch die Führungsstellen geöffnet werden. Dazu gab es Kennwörter, damit die Tore nicht durch Unbefugte geöffnet wurden. Der Postenbereich über der Kiefholzstraße hatte ein Tor im Signalzaun vor der Mauer und eins zum Hinterland.

Wenige Meter vor der Staatsgrenze der DDR. Ein Tor versperrt die Weiterfahrt in Richtung Görlitzer Bahnhof.
Dahinter die Beschaubrücke, auf der bei Übergabefahrten die Grenzsoldaten die Fahrzeuge von oben kontrollierten.
Links erkennbar die ehemaligen Gleise der Ringbahn.
In den 1980er Jahren wurde das Drahtzauntor in der Mauer durch ein Blechtor ersetzt (Sommer 1979).
Nachdem wir unsere Plätze auf der Lok eingenommen hatten, ging die Fahrt weiter. Es dauerte schon eine Weile, bis wir auf diesem Gleis das andere Ende der DDR erreichten. Der Oberbau war nicht der Beste, so dass der Zug meiner Schätzung nach mit ca. 10 Stundenkilometer die Strecke befuhr. Vor den Grenzanlage hielt der Zug an, die beiden "Genossen" von der Trapo stiegen von der Lok, die durften natürlich nicht mit nach Westberlin fahren und mussten auch vor dem Hinterlandzaun warten, bis der Zug zurück kam. Dort gab es auch wieder zwei Tore im Signalzaun und in der Mauer ein Blechtor. Diese wurden durch uns geöffnet und der Zug fuhr zum Görlitzer Bahnhof in Westberlin. Wir Grenzer ließen die Tore immer auf, bis der Zug zurückkam. Die Rückfahrt lief genauso ab und sobald der Zug wieder auf dem Treptower Güterbahnhof war, schlossen wir die Tore. Der Unteroffizier setzte sich mit seinem Posten auf sein Krad und fuhr davon. Jetzt waren wir beide wieder alleine auf der Brücke über der Kiefholzstraße.
Im Februar 2009 nutzte ich eine längere Dienstpause in Berlin, um mir mal den Treptower Güterbahnhof aus der Nähe anzusehen. Dabei musste ich auch sofort an die Zugbegleitungen im Jahr 1985 denken. So beschloss ich, die alte Trasse zu suchen und fand sie auch. Sie ist heute ein Rad- und Wanderweg und nur noch wenig erinnert dort an die alte Görlitzer Bahn, auf der ich als ehemaliger Grenzer die letzten Fahrten im Jahr 1985 miterleben durfte.
Eine Fußnote der deutsch-deutschen Geschichte sei an dieser Stelle noch angefügt:
Wieland Schulze lebt seit Jahren mit einer ehemaligen Westberlinerin zusammen, die genau gegenüber einem der DDR-Wachtürme Mitte der 1980er Jahre in Neukölln gewohnt hatte. Während sie aufgrund ihrer Wohnungslage bis in den Wachturm hineinsehen konnte, sicherte er die Staatsgrenze der DDR. Ob sie damals schon Blickkontakte miteinander austauschten?
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Mike Straschewski
letzte Änderung:
30. August 2009