Der zweite Reichsbahnerstreik von 1980


Das Netz in Westberlin war in einem schlechten Zustand. Der Unterhalt kostete sehr viel Geld, welches die DDR nicht aufbringen wollte. Schließlich war es nicht einzusehen, das Streckennetz in Westberlin vom Staatsetat der DDR zu sanieren und die Bürger der DDR davon keinen Nutzen hatten. Oftmals wurde gebeten, die Sanierung aus dem VdeR zur bezahlen. Dieses wurde von der Westberliner Dienststelle der Deutschen Bundesbahn abgelehnt.
Die Fahrgasteinnahmen waren aufgrund des S-Bahnboykotts gering. So überlegte die Deutsche Reichsbahn in den 1970ern, das Streckennetz der Berliner S-Bahn an den Senat abzugeben oder stark einzuschränken, um Kosten zu sparen. Den Fernbahnverkehr wollte sie jedoch nicht aus der Hand geben. Das jährliche Defizit belief sich auf schätzungsweise 120 bis 140 Millionen DM. Das Personal wird durch schlechte Bezahlung knapp gehalten, die Beschäftigten leisten bis zu 80 Überstunden und mehr im Monat.

Im Frühjahr 1980 wurde angekündigt, den Sommerfahrplan des Jahres 1980 stark einzuschränken. Geplant war ein 40-Minutentakt auf allen Linien. Diese Ankündigung löste heftigen Streit innerhalb des Unternehmens aus. Gewünscht war vermutlich eine öffentliche Diskussion mit dem Senat, der sich am Defizit beteiligen sollte. Die Reichsbahn setzte den regulären Fahrplan ohne Streichungen in Kraft.
Zum Winterfahrplan 1980 folgte der zweite Anlauf. Am 16. September 1980 wird angekündigt, den S-Bahnverkehr in Westberlin ab dem 28. September 1980 nur von 5.00 bis 21.00 Uhr den Betrieb aufrecht zu erhalten.
Die Beschäftigten erregten sich über ein halbherziges Angebot der Reichsbahn, den Lohn um etwa 60 bis 80 DM zu erhöhen. Schließlich würden ihnen bei Einstellung des S-Bahnverkehrs die Nachtzulagen entfallen und das war mit 80 DM monatlich nicht auszugleichen. Es kam zu Streikdrohungen.

Einen "ordentlichen" Streik konnte es jedoch nicht geben. Die einzigste, von der Reichsbahn akzeptierte Gewerkschaft, der FDGB, stellte keine Forderungen an den Betrieb. Eine Urabstimmung und dem daraus folgendem Streik gab es nach DDR -Arbeitsrecht nicht und die Beschäftigten arbeiteten bei einem Unternehmen mit Firmensitz in Ostberlin, demnach galten deren Gesetze.
Nach alliiertem Befehl (Potsdamer Abkommen) musste der Bahnbetrieb durch ein von der SMAD - Transportabteilung (Sowjetische Militäradministration) bestimmten Unternehmen (Deutsche Reichsbahn) in Groß-Berlin, besonders der ständige Zugang zur militärregierten Stadt Berlin (1945-1990) auf allen Korridoren (Luft, Schiene und Strasse) gewährleistet werden.

In den folgenden Tagen formulierten die Beschäftigten gegenüber der Presse (West) ihre Kritikpunkte:

Es folgte eine anfängliche Arbeitsniederlegung einzelner Arbeitsstellen. Ab dem 17. September 1980 bricht der Streik ohne Urabstimmung aus.
Der S-Bahn und Fernbahnverkehr kommt in Berlin zum Erliegen. Die Streikenden richten im Containerbahnhof Hamburg- und Lehrter Bahnhof (HuL) ein Streikbüro ein. Dort werden die Forderungen zu Papier gebracht und Gespräche mit der Reichsbahndirektion gesucht. Das bahninterne Telefonnetz (BASA) wird von Ostberlin aus stillgelegt, um die Streikenden nicht in ihrer Arbeit zu unterstützen.
Der regierende Bürgermeister Stobbe (West) ermahnt die Reichsbahn, ihrer Betriebspflicht nachzukommen und erinnert an das Potsdamer Abkommen. Anderenfalls würde er die Alliierten um Hilfe bitten und die gesamten Eisenbahnstrecken in Westberlin an die BVG übergeben. Auf dem Containerbahnhof findet eine Streikversammlung mit ca. 600 Beschäftigten statt. Sie fordern eine freie Gewerkschaft nach dem Vorbild der gerade in Polen entstehenden Gewerkschaft "Solidarität".

Hier entstand ein gewaltiges Problem. Einerseits war das Verkehrsministerium der DDR recht froh über die Androhung, die Betriebsführung der S-Bahn an die BVG abzugeben. Schließlich war dies eine der Bitten seit einigen Jahren an den Senat. Aber die Forderung nach freien Gewerkschaften nach polnischem Vorbild war sehr gefährlich. Hier wäre ein Übergreifen der Forderungen auf den Betriebsteil der Deutschen Reichsbahn in Ostberlin und der DDR möglich gewesen. Dies galt es zu verhindern, denn einen Aufstand wie in Polen wollte die DDR -Führung mit allen Mitteln verhindern. Nun war also Fingerspitzengefühl gefragt, den Aufstand in Westberlin zu belassen. Dies begründet auch, warum kein Personal von Dienststellen aus Ostberlin zur Aufrechterhaltung des Betriebes nach Westberlin geholt wurden (wenige Ausnahmen: "politisch korrekte" Beschäftigte höheren Ranges). In der DDR-Nachrichtenagentur ADN spricht man von "Provokationen gegen den S-Bahnverkehr", ohne des Streik und deren Forderungen zu erwähnen.

Die Beschäftigten rufen die Bevölkerung in Westberlin zu Spenden auf, da sie kein Streikgeld erhalten. Die Alliierten halten sich noch zurück, da es ein normaler Arbeitskampf sei. Die Bahnpolizei, ebenfalls Westberliner Personal, werden zur Streikbehebung eingesetzt. Sie fordern die Streikenden auf, die Stellwerke zu verlassen.
Am 20. September wird das Wärterstellwerk Zow des Bahnhofs Zoologischer Garten bestreikt. Der Transitverkehr nach Westdeutschland kommt vollständig zum Erliegen. Mitglieder der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins (SEW) versuchen mit Bahnpolizisten (BaPo) das Stellwerk zu stürmen und den Betrieb wieder aufzunehmen. Die Westberliner Polizei kann jedoch die Menge zurückdrängen. Nach der versuchten Erstürmung erschienen die höchsten Offiziere der Westberliner Polizei auf dem Stellwerk Zow und erklären das Verständnis für die Streikhandlungen, jedoch hat der Betrieb (Deutsche Reichsbahn) jederzeit das Recht, die Diensträume zu betreten. Ein Verbarrikadieren des Stellwerkes sein kein geeignetes Streikmittel und auch im westdeutschen Arbeitsrecht nicht vorgesehen.

Am 22. September wird das Stellwerk am Bahnhof Zoo geräumt, der Transitverkehr war wieder gewährleistet. Weiterhin ist die Reichsbahn nicht bereit, mit dem Streikkomitee zu verhandeln und verweist auf die Gewerkschaft FDGB als einzigen Verhandlungspartner. Daraufhin erklärt das Streikkomitee, dass die organisierten Beschäftigten nicht mehr bereit seinen, für die Deutsche Reichsbahn zu arbeiten. Sie forderten den Berliner Senat auf, mit den Alliierten eine Übernahme der Betriebsführung zu verhandeln. Der Senat weist diese Forderung zurück, der Appell richte sich an den falschen Adressaten.
Ebenfalls am 22. September 1980 wird das Stellwerk Halensee (Hal) von Bahnpolizisten unter Beobachtung des sowjetischen Militärs gewaltsam gestürmt. Die Westberliner Polizei erklärte das Vorgehen als rechtens, da die Bahnpolizei ihr Hausrecht verteidigte.
Am 23. September 1980 erklärt der Regierende Bürgermeister Stobbe, dass die Reichsbahn stets das Recht habe, ihre besetzten Anlagen zu räumen. Er empfahl daher, die Hochburg der Streikenden, den Hamburg- und Lehrter Bahnhof friedlich zu räumen. Weder die Alliierten noch die Westberliner Polizei kann und will die Streikenden bei ihren Besetzungen unterstützen. Nochmals wurde darauf hingewiesen, dass die Besetzung des Bahnhofs HuL nach den Gesetzen der DDR und Westberlin rechtswidrig seien.

Ab dem 24. September 1980 läuft der Fernbahnbetrieb unter Einsatz von treuen Personals (West), Bahnpolizisten und Personal von Dienststellen aus Ostberlin. Der Vorsitzende der GdED (Westgewerkschaft) empfahl des Streikenden, ihren Ausstand zu beenden. Einen Tag später löst sich das Streikkomitee auf und empfiehlt allen Streikenden, sich bei den Arbeitsämtern zu melden. Im Monat September des Jahres 1980 verschickt das zuständige Reichsbahnamt 4 mehrere hundert Kündigungen.

Im Oktober rollte der S-Bahnbetrieb wieder.
Jedoch auf den folgenden Strecken findet kein Fahrgastbetrieb mehr statt:

Die Züge fuhren somit nur noch auf den Strecken:

Das Streckennetz schrumpfte von einst 145 auf 73 Kilometer. Ein Streckengleis der Wannseebahn wird für Betriebsfahrten Wannsee - Anhalter Bahnhof genutzt.
Die Arbeitsbedingungen für die verbliebenen Beschäftigten veränderten sich in den folgenden Jahren. Behandlungen in Krankenhäusern in Westberlin waren vereinzelt möglich, die Lohngestaltung veränderte sich entsprechend den Forderungen. Jedoch blieb es ein äußerst besonderes Arbeitsverhältnis für die nächsten Jahre.


Autor:
mm

letzte Änderung:
5. Juli 2008

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