Der Eisenbahner Horst Witte, Jahrgang 1927, arbeitete 1949 als Fahrdienstleiter und Aufsicht auf dem Bahnhof Neukölln. Er erinnert sich:
Streikende der Bahnmeisterei Neukölln (BM 101) hatten aber ein Schienenpaßstück vor der Weiche 16 entfernt und das Gleis mit Signal Sh 4, Sh 3 und Sh 2 gesichert. Als die Lok die zweite Knallkapsel (Signal Sh 4) überfahren hatte, fuhr sie nach Treptower Park zurück. Eine Reporterin der Ostberliner Zeitung "Berliner Zeitung" beobachtete das ganze Spektakel und ließ sich von mir die Umstände und das Drumherum erklären. Am nächsten Tag schrieb diese Zeitung: "UGO Banditen haben Sprengkörper auf die Gleise gelegt.".

Gleisplan des Bahnhofes Neukölln aus dem Jahre 1962. Der S-Bahnhof Hermannstraße gehört betrieblich zum Bahnhof Neukölln.
Legende: roter Pfeil: Stellwerk Not; gelber Pfeil: Weiche 16; grün markiert: Gleis 30; grüner Pfeil: Abstellort der Lok.
Der RIAS rief die Berliner Bevölkerung auf, Essen zu spenden. Dieses konnten wir dann im Polizeipräsidium in der Erkstraße entgegennehmen.
Nach dem Ende des Streikes erfolgte von seitens der Reichsbahn eine Kündigungswelle. Auch ich sollte entlassen werden. Da meine Kündigungsfrist vier Wochen betrug, erhob ich mit anderen eine Sammelklage gegen die Kündigung. Die Reichsbahn nahm, auch aufgrund ihrer Zusagen, die Kündigungen wieder zurück. So konnte ich meinen Dienst als Fahrdienstleiter fortsetzen. Trotzdem muß ich einigen Leuten ein Dorn im Auge gewesen sein. Man kommandierte mich am 9. Dezember 1949 zum Verschiebebahnhof Tempelhof als Schlußschaffner im Güterzugbegleitdienst ab. Ausgestattet mit einer Schlußlaterne und -scheibe (Signal Zg3), einer Signalflagge und einer Karbidlampe versah ich in vier Nummern zu großen Filzstiefeln sowie mit einem Schaffnerkittel versehen, bis zum Mai 1950, diesen sogenannten "Notdiensteinsatz". Erst danach durfte ich wieder als Fahrdienstleiter arbeiten.
Langsam kehrte wieder die Normalität in den Betriebsalltag ein, die einzelnen Eisenbahn-Dienststellen nahmen wieder ihre gewohnten Arbeiten auf. So u.a. die BM 101: sie begann mit ihren planmäßigen Instandhaltungsmaßnahmen. Da in der Nachkriegszeit neue Weichen Mangelware waren, wurden die ausgefahrenen Herzstücke mittels Auftragsschweißungen repariert. Bei einer dieser Arbeiten wurden die Arbeiter fotografiert. Das Bild erschien in der Eisenbahnerzeitschrift "Fahrt Frei" mit der Bildunterschrift: "Fleißige Arbeiter reparieren Schäden des UGO-Putsches."
letzte Änderung:
18. August 2009