Rolf Ebberg: S-Bahn im geteilten Berlin (Stadtbahn-West)


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Anfang 2011 verwies uns einer unserer Besucher auf eine Bilderfolge im Historischen Forum auf der Webseite www.drehscheibe-online.de. Der Fotograf Rolf Ebberg zeigte dort im Jahre 2009 in mehreren sehenswerten Beiträgen seine Eindrücke vom Eisenbahngeschehen Anfang der 1980er Jahre in Berlin. Die Grundidee einer neuen Rubrik auf unserer Webseite wurde nun konkreter: Wie wäre es, wenn man manche dieser berlinspezifischen Beiträge einer weiteren Besuchergruppe, die keine Eisenbahnforen liest, zugänglich machen würde? Der Kontakt zu Rolf Ebberg kam durch die Vermittlung ebenjenes Besuchers, der uns auch auf die Beiträge verwies, sehr schnell zustande. Herr Ebberg fand an der Idee der Präsentation Gefallen und so ward sehr schnell eine erste Form der Darstellung erstellt. Ende März 2011 brach der Kontakt - aus heutiger Sicht - unvermittelt ab, da wir immer an mehreren Themen und Aufsätzen gleichzeitig arbeiten, ist so eine Kommunikationspause für uns kein Problem, da wir mit dieser Rubrik keinen bestimmten Starttermin anpeilten. Was wir nicht wußten: Herr Ebberg war zu diesem Zeitpunkt schon schwer erkrankt, er verstarb am 26. September 2011 im Alter von 58 Jahren.

Die Arbeiten an dem Projekt wurden nicht wieder aufgenommen, bis uns im Frühjahr 2013 bei Wartungsarbeiten die Vorarbeiten zu dieser Rubrik wieder "unter die Tastatur" kamen. Eine Kontaktaufnahme zu engen Freunden von Rolf Ebberg sowie deren freundliche Zustimmung, die Bilder entsprechend dem Projektgedanken zu verwenden, liessen die alte Idee wieder aufleben. Nun hat es aus terminlichen Gründen doch noch ein halbes Jahr gedauert, bis wir ihnen diese immer noch sehr sehenswerten Beiträge zeigen können. Wir glauben, es ist auch im Sinne von Rolf Ebberg, diese Bildergeschichten nicht untergehen zu lassen, wie schrieb er doch in einer seiner letzten Mail an uns: "Die Präsentation gefällt mir." Wenn dann noch sein Wunsch wahr werden würde "Ich könnte mir sehr gut vorstellen, wenn (mittelfristig) gemeinsam mit anderen Bild-Autoren eine Art "Streckenreise" zustande käme." dann würde das auf jeden Fall in seinem Interesse liegen.

Aus technischen Gründen zeigen wir nicht alle Bilder der damaligen Beiträge bei Drehscheibe online; Herr Ebberg kam leider nicht mehr dazu, uns größere Auflösungen zu schicken. Die Texte sind weitgehend unverändert übernommen, es wurden nur vereinzelt kleinere Fehler korrigiert. Es ist ja nicht unser Rückblick, sondern der eines Eisenbahnfotografen, der sein Hobby liebte.

Mike Straschewski,Webmaster

Über die Berliner S-Bahn ließe sich viel erzählen. Eingehende Literatur und Internet-Quellen gibt es jedoch in Mengen. Ich beschränke mich daher auf die Vermittlung von typischen Eindrücken aus der geteilten Stadt. Alle Bilder sind in den 80ern (vor der Wende) entstanden.

Zum Verständnis ein Blick in die jüngere Geschichte:
Aufgrund der Vier-Mächte-Vereinbarungen war festgelegt, dass Berlin nach dem Krieg in vier Sektoren aufgeteilt werden soll. Dabei war zunächst jedoch nicht an Teilung, sondern nur an Verwaltungszuständigkeiten der Alliierten gedacht. Das Eisenbahnnetz in ganz Berlin sollte wegen dem betrieblich sinnvollen Austausch von Fahrzeugen durch die Reichsbahn betrieben werden.Die Auswirkungen des kalten Krieges und die zunehmende Abschottung des Ost-Sektor gestaltete diesen durchaus vernünftigen Plan jedoch schwierig. Mit dem Bau der Mauer waren die Netze getrennt oder an der Stadtgrenze unterbrochen. Die Stadtbahn war im Grenzbahnhof Friedrichstraße gebrochen. Weiterfahrt nur nach Grenzabfertigung.

Mit dem Bau der Mauer wurde die S-Bahn in Westberlin weitgehend boykottiert. Omnibus-Linien und U-Bahn-Neubauten wurden bewusst parallel zur S-Bahn angelegt. "Wer S-Bahn fährt, zahlt Ulbrichts Stacheldraht" lautete ein Slogan. Das war zwar insofern Unsinn, als ein städtisches Verkehrssystem nie Gewinne einfährt, traf aber die Gefühlslage der Berliner im Westen. Hinzu kam ein separates Preis-System. Wer mit einer BVG-Fahrkarte beliebig zwischen Bus + Bahn umsteigen konnte, zahlte nicht noch mal extra für die Nutzung der S-Bahn.

Vermutlich aus Angst vor Übergriffen bestanden im Bereich der West-Berliner S-Bahn noch bis in die 80er Jahre Bahnsteigs-Sperren, sogenannte "Wannen". Diese und andere seltsamen Relikte von überkommener Kontrolle machte die S-Bahn auch nicht attraktiver. 1980 streikten die West-Berliner Eisenbahner. Die DDR nutzte die Gelegenheit, sich vom teuren Verlustbringer zu trennen und stellte im Westen auf allen Strecken, die nicht den Bahnhof Friedrichstraße berührten, den Betrieb ein. Die vorhandene Betriebspflicht wurde nie ernsthaft eingefordert. Die Züge waren ohnehin fast leer.
Die Existenz der S-Bahn als "Geisterbahn" war eine Verschwendung von Ressourcen in der geteilten Stadt. Erst mit Wirkung vom 9. Januar 1984 wurde eine Vereinbarung getroffen, nach der die Betriebsführung für das westliche Netz an die BVG überging. Immerhin war damit erstmals ein Tarif-Verbund gegeben.

Betriebliche Kuriositäten, die nur durch die Teilung erklärlich waren, gab es jedoch weiterhin. So musste am Lehrter Stadtbahnhof der Triebfahrzeugführer der BVG den Zug verlassen und ein Lokführer der Reichsbahn übernahm die Fahrt für den kurzen Abschnitt über den Humboldt-Hafen durch die DDR-Grenzsperren bis in den Bhf. Friedrichstraße.
Nach der Wende (ab 2. Juli 1990) wurde wieder ein durchgehender Stadtbahn-Verkehr eingerichtet.
Die S-Bahn-Betriebsführung, die bei der BVG stets ein Fremdkörper blieb, ging per 1. Januar 1994 an die Deutsche Bahn.

Leider habe ich erst nach 1980 begonnen, Fotos von der S-Bahn zu machen. Faszinierend war die Architektur der Bahnhöfe, die Fahrzeuge mit dem markanten Fahrgeräusch, die meist hölzerne Innenausstattung mit blanken Messing- oder zumindest Alu-Beschlägen, einfach wunderbar...
Die geschichtsträchtige, leicht schmuddelig-marode Atmosphäre, die für eine Großstadt seltsame Ruhe (zumindest im westlichen Netz) im S-Bahnbereich, alles das konnte inspirieren...

Also, zuurrrrück-bleiben! - Es geht los!

Bild: Zug in Wannsee 1

Berlin-Wannsee.
Hier endeten die Züge der Stadtbahn. Der weitere Streckenverlauf nach Potsdam bzw. Stahnsdorf war seit dem Mauerbau unterbrochen.
Lediglich der Transitverkehr nach Westdeutschland rollte hier noch.

Bild: Zug in Wannsee 2

Der Zugang zum S-Bahnhof Wannsee.
Das alte Empfangsgebäude war in den 30er Jahren mit einem großzügigen und architektonisch interessanten Zugang ergänzt worden.

Bild: Empfangsgebäude Wannsee

Wannsee.
Stellwerk mit Blumenschmuck. Sogar die Lampenmaste waren weiß gestrichen.

Bild: Zug in Wannsee 3

Wannsee bei Nacht.
Riesiges Areal, regelmäßiger Zugverkehr und (fast) keine Fahrgäste.
Interessante Details: Kleinpflaster auf den Bahnsteigen, gusseiserne Säulen mit Relief, aber auch der Schutzbunker aus dem Krieg...

Bild: Zug in Wannsee 4

Wannsee bei Nacht.

Bild: Zug in Westkreuz

Berlin-Westkreuz.
Bis zur Betriebseinstellung Kreuzungsbahnhof mit der Ringbahn und Verzweigung nach Spandau/Staaken sowie Wannsee.

Bild: Ringbahnsteig Westkreuz

Berlin-Westkreuz.
Auf dem Bahnsteig der stillgelegten Ringbahn.

Bild: Zug in Westkreuz 2

Berlin-Westkreuz.
Die Gütergleise sind über diese Brücke an dem S-Bahnhof vorbei geleitet.

Bild: Zug in Halensee

Berlin-Westkreuz / Stellwerk Halensee.
Hier bestehen teilweise niveaugleiche Verzweigungen. Im Bild ist 118 254-2 zu sehen.

Bild: Witzleben

Blick vom Westberliner Funkturm...
...auf die Station Witzleben (seit 2002 umbenannt in Messe Nord/ICC).
Hier sei ein Seitenblick auf die Ringbahn erlaubt. Während der Verkehr sonst in der Stadt braust und zu Stoßzeiten längst kollabiert, ist die Ringbahn stillgelegt. Lediglich der bescheidene Güterverkehr wird noch bedient. Die Rangierlok der Reihe 106 der Reichsbahn schleicht sich bis hier oben fast unhörbar mit ihrem Güterzug durch die sonstigen Geräusche der Stadt.

Bild: Nikolassee 1

Bahnhof Nikolassee - Empfangsgebäude.

Bild: Nikolassee 2

Bahnhof Yorckstraße - Bahnsteig-Szene.

Bild: Nikolassee 3

Bahnhof Nikolassee - Bahnsteigabgang.

Bild: Nikolassee 4

Bahnhof Nikolassee - Bahnsteigzugang mit Passimeterhäuschen.

Bild: Nikolassee 5

Bahnhof Nikolassee - Zugangstunnel.

Bild: Nikolassee 6

Bahnhof Nikolassee.
Im Hintergrund ist das mit der Wannseebahn gemeinschaftlich genutzte Empfangsgebäude zu erkennen.

Bild: Nikolassee 7

Bahnhof Nikolassee.
Ausgang Richtung Avus / Freilichtbühne.

Bild: Charlottenburg 1

Bahnhof Berlin Charlottenburg.

Bild: Savignyplatz 1

Savignyplatz.
Wer hätte da nicht am liebsten das Turm-Zimmer in dem Haus an der S-Bahn als Wochenend-Quartier...

Bild: Savignyplatz 2

Am Bahnhof Savignyplatz.

Bild: Zoologischer Garten 1

Kantstraße...
...nahe dem Bahnhof Zoo.

Bild: Lehrter Stadtbahnhof 1

Bahnhof Lehrter Stadtbahnhof.
Vielleicht eine der schönsten Stationen an der Stadtbahn, durchaus als Denkmal schutzwürdig gewesen, ist inzwischen dem Neubau des Hauptbahnhof zum Opfer gefallen.

Bild: Lehrter Stadtbahnhof 2

Bahnhof Lehrter Stadtbahnhof.
Die Aufsicht bei der Zugabfertigung. Eine Szene, die in absehbarer Zeit aus der Stadt verschwindet.

Bild: Lehrter Stadtbahnhof 3

Humboldt-Hafen.
...nur noch ein Steinwurf bis in den Osten und doch begann hier eine andere Welt. Im Hintergrund ist das Reichstagsgebäude zu erkennen, natürlich noch ohne Kuppel. Am linken Bildrand Sperrzäune und erste Wachtürme.

Bild: Lehrter Stadtbahnhof 4

Humboldt-Hafen.
Grenz-Sperranlagen und Wachtürme

Bild: Lehrter Stadtbahnhof 5

Humboldt-Hafen.
Grenz-Sperranlagen und Wachtürme.


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Originalbeitrag vom 30. Oktober 2009:
www.drehscheibe-foren.de/foren/read.php?17,4509479

letzte Änderung:
21. Januar 2014

Veröffentlichung:
20. Oktober 2013

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